Kolumne: Alte Spiele für die Wintertage Teil 1
Es ist Winter, dass heißt, viele verschneite Tage, Weinachten und Kälte. Und endlich wieder ein bisschen Zeit zum Spielen. Doch was? Neben aktuellen Spitzentiteln wie Fallout: New Vegas oder Call of Duty: Black Ops suchen viele nach Spielen fürs kleine Geld oder nach Klassikern. Da dies bekanntlich Ansichtssache ist, geben wir für unsere Geheimtipps keine Gewähr. Trotzdem sollten Sie einen Blick riskieren. Beginnen werden wir mit einem ungewöhnlicheren Titel: Vampire: The Masquerade – Bloodlines
Tolerante Vampire
Es gibt mehr als einen Grund, warum Vampire ein außergewöhnliches Spiel ist. Zunächst einmal besitzt es mit seinen Szenario fast schon ein Alleinstellungmerkmal. Im modernen Los Angeles wird man in einen Vampir verwandelt und muss fortan sowohl gegen andere Vampire als auch gegen diverse Monströsitäten kämpfen. Zur Auswahl stehen sieben sogennante Clans. Jeder Clan besitzt bestimmte Eigenschaften die ihn von den anderen unterscheidet. So sind die Nosferatu etwa großartige im schleichen, können sich aber aufgrund ihres verunstalteten Aussehens nicht in der Öffentlichkeit bewegen. Die Bruja hingegen sind Anarchisten die vor allem auf Körperkraft und Schusssicherheit setzten.
Und so entsteht auch ein großer Reiz des Spiels. Wirklich jeder Clan spielt sich anders. Das erhöht den Wiederspielwert enorm, zumal sich auch die Quests fast immer auf zwei oder mehr Wegen lösen lassen. Ist der Charakter zum Kämpfer ausgebaut, werden viele Situationen auch mit Gewalt gelöst. Ist die Spielfigur hingegen ein geschickter Redner, kann er sich aus vielen Situationen herausreden.
Multi - Talente
Bei Vampire gibt es keine Level. Der Spieler investiert seine Erfahrungspunkte direkt in die 24 Fähigkeiten die in drei Kategorien untergebracht sind. Diese teilen sich unter anderem in Gesprächsfähigkeiten auf, aber auch in Kampfeskräfte oder auch „alltägliche“ Dinge wie das Knacken von Schlössern und das Hacken von Computern. Erfahrungspunkte gibt es für das Lösen von Quests, erfolgreiche Gespräche, oder besondere Lösungswege für bestimmten Aufgaben. Als Waffen stehen dem Spieler, neben seinen Händen auch Schusswaffen, wie Pistolen oder Schrotgewehre, und Nahkampfwaffen, etwa Katanas, Messer oder ein großer Abrisshammer zur Verfügung. Zudem können Schleicher ihre Gegner von hinten ausschalten. Des Weiteren stehen jedem Clan drei Zauberarten zur Verfügung. Je weiter man diese ausbaut, desdo mehr Zauber werden freigeschaltet oder verbessert. Die tierverbundenen Gangrel etwa verwandeln sich so für kurze Zeit in ein Klauenbewertes Raubtier.
Diese Fähigkeiten verbrauchen Blut, den man als das Mana von Vampire bezeichnen könnte. Auffüllen lässt sich der Vorrat entweder mit Blutpaketen oder direkt von der Quelle. Beim Aussaugen der Menschen ist aber höchste Vorsicht geboten. Erblicken einen nämlich Passanten, so verfolgt einen von nun an nicht nur die Polizei, sondern auch andere Vampire und Vampirjäger. Sowohl das Aussaugen von Menschen, als auch der Einsatz bestimmter Fähigkeiten gilt, wenn es Zeugen gibt, in vielen Gebieten als Bruch der namensgebenden Maskerade. Wird diese zu oft gebrochen, endet das Spiel. Dies erzeugt beim Spieler häufig ein Gefühl von Paranoia, was für ordentlich Nervenkitzel sorgen kann.
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Angestaubter Gruselfaktor
Doch was an Vampire wirklich begeistern kann ist die durchweg gelungene, düstere Atmosphäre. Denn das Spiel ist beileibe nichts für Kinder. Da werden Zombies mit der Feuerwehraxt in Stücke gehauen, Folterkeller durchstreift oder ein Geist aus einem alten Hotel vertrieben. Nicht selten steigt ein mulmiges Gefühl auf beim Erkunden von Kanalisationen und riesigen Herrenhäusern. Alles wirkt wie aus einem Guss, die Welt scheint beinah greifbar und nach ein paar Minuten will man das finstere Los Angeles gar nicht mehr verlassen. Das liegt auch an der sehr guten Vorlage. Das Spiel basiert nämlich auf dem, in Deutschland eher unbekannten, Pen-and-Paper Rollenspiel „Vampire:The Masquerade" von „White Wolf“. Dieses gibt seine gut ausgearbeitete Welt, samt einer nachzuvollziehenden Vampir-Geselschaft an das Spiel weiter. In dieser wimmelt es von Intrigen, Fraktionen und kranken Gestalten die dem Ganzen diese dichte Atmosphäre verpassen. Wer also genug von Weichspüler-Vampiren al la Twighlight hat, bekommt hier eine sehr viel erwachsenere Version der Fabelwesen. Etwas schade ist das die Story lange Zeit braucht um in Fahrt zu kommen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt aber entwickelt sie eine gewisse Spannung die bis zum (überraschenden) Ende motiviert.
Das Spiel erschien im Jahr 2004 und war eines der ersten Spiele das die Source-Engine nutzte. Entsprechend gut sah es für damalige Verhältnisse aus. Natürlich hat die Grafik in den letzten Jahren Staub angesetzt, gerade die Umgebungstexturen sind matschig. Allerdings war ein Markenzeichen der Source-Engine die realistische Darstellung von Gesichter, und auch für heutige Ansprüche sind die Gesichtszüge der Figuren immer noch recht ansehnlich. Ein Grafikmonster der Marke Crysis darf man aber trotzdem nicht erwarten.
Hilfreiche Menschen
Der Entwickler des Spiels waren Troika Games, die 2005 ihre offizielle Geschäftsausgabe bekannt gaben. Dies stellte für Fans des Spiels ein großes Problem dar, denn obwohl Vampire durchweg gute Kritiken erhielt, war das Spiel bei seiner Veröffentlichung in einem katastrophalen Zustand. Gravierende Bugs und Logikfehler, unlösbare Quests und eine verhunzte Balance zerstörten die ansonsten grandiose Atmosphäre und machten das Spiel zeitweise sogar unspielbar.
Troika Games brachten vor ihrer Schließung bloß einen Patch auf den Stand 1.2 heraus, der aber kaum etwas verbessern konnte. Also stieg notgedrungen die Community ein. Die wollten ihr Spiel nämlich nicht einfach so aufgeben und stellen bis heute(!) immer neue Patches online. Aufgrund dessen steht das Spiel heute inzwischen bei Version 7.2 und die größten (und viele kleine) Fehler sind ausgemerzt. Zudem ist die Community noch immer aktiv und arbeitet weiterhin an Patches und Mods. Außerdem wurden viele Quests überarbeitet, an der Balance gefeilt und sogar einige Texturen überarbeitet.
Wer also im Herbst noch nicht genug von Rollenspielen bekommen hat, der sollte sein Auge auf diesen Geheimtipp werfen. Denn es glänzt in vielen Disziplinen, an denen andere Spiele heutzutage scheitern.
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