Von: Asare Yeboah
15.02.10 11:37

Test: Mass Effect 2

Die Rollenspiel Trilogie "Mass Effect" von Bioware geht in die zweite Runde und führt das futuristische Epos fort. Doch kann der Nachfolger auch Gamer in seinen Bann ziehen, die sich in mittelalterlichen Rollenspielwelten pudelwohl fühlen?




Für Rollenspieler, die sich mit dem ersten Teil der Trilogie nicht befasst haben, ist Mass Effect 2 wie ein Blick in die Mitte eines Buches. Charaktere fühlen sich fremd an, Handlungsstränge ergeben wenig Sinn, die Intention ist in den Tiefen des Textes vergraben. Doch die Erzählmethode von Mass Effect 2 kann angesichts des Trilogie-Konzepts natürlich nicht kritisiert werden. Im Gegenteil: Der zweite Teil katapultiert direkt ins Geschehen und zieht Neulinge vom ersten Moment in ein riesiges Universum voller rätselhafter Rassen, innovativer Waffensysteme und jeder Menge rauchender Lasercolts.


Wer, wo, was, wann? Die Story

Commander Shepard ist unterwegs in intergalaktischer Mission. Im Jahre 2183 stürmt die künstliche Maschinenrasse Geth das Herz der galaktischen Gemeinschaft, in der über Politik, Wirtschaft und Finanzen der Menschheit und ihrer Verbündeten bestimmt wird: Die Raumstation Citadel. Normalerweise kümmern sich die Geth nicht um andere Rassen. Sie haben keine körperlichen Bedürfnisse; sie werden nicht von dem Verlangen Ressourcen zu beschaffen oder verhandeln zu müssen zur Kooperationen mit fremden Rassen gedrängt. Doch einige Geth verehren die lang verschollenen, extrem hochentwickelten Reaper als Götter. Diese wenigen Geth zielen darauf,  den Reapern ein Portal auf der Raumstation Citadel zu öffnen.
Unter den massiven Angriffen der Geth ist nun bereits das höchste Regierungsorgan von Citadel, der Rat, gefallen.

Die todessüchtigen Reaper, die alle 50.000 Jahre organisierte und zivilisierte Lebensformen auslöschen, drohen bei der erfolgreichen Portalöffnung über die Zivilisation herzufallen. Die Menschheit und ihre Verbündete müssen um das nackte Überleben kämpfen. Commander Shepard soll mit dem Schiff Normandy im Auftrag des neuen Rates die letzten Überreste des Geth Widerstandes zerschlagen und die Angst über die Rückkehr der Reaper zu besänftigen.

Die Story wird mit ihren Entscheidungen fortgesetzt, denn nun fliegt die Normandy...


Die Grafik:  Das kann die Unreal Engine 3

... majestätisch durch galaktisches Niemandsland auf der Suche nach Geth Aktivität. In Dunkelheit, neben fremden Planeten und Sternen, streift die Sonne das Schiff und lässt es in seiner ganzen Schönheit erstrahlen. Die Unreal Engine 3 kann die beeindruckende Tiefe des Alls und die Normandy atemberaubend gut darstellen.

Das Intro von Mass Effect 2 wird in grandios animierten Cutscenes in Spielgrafik erzählt. Während das Schiff von einem unbekannten Kreuzer unter massiven Beschuss genommen wird, sprintet Commander Sheppard durch ein Meer von Flammen und geschmolzenem Metall um den Piloten Jeff Moreau in letzter Sekunde zu überzeugen, das Schiff aufzugeben.
Unter einem letzten Plasmastoß des Kreuzers explodiert die Normandy in ihre Bestandteile und saugt Sheppard dabei in die unendlichen tiefen des Alls.

Mass Effect 2 überflutet den Spieler zu Beginn regelrecht mit einer Mischung aus atemberaubender Grafikpracht, stimmigen Cutscenes und passender Science-Fiction Atmosphäre. Ein Manko gibt es aber doch: Leider verzichtet Mass Effect 2 auf eine Ingame-Option für die Kantenglättung. Sie müssen das Anti Aliasing treiberseitig aktivieren.



Der Anfang: Qual der Wahl

Typisch: Zu Beginn erstellen Sie Ihren Charakter. Alternativ können sie einen Charakter auch importieren. Das Spiel übernimmt dann Ihre alte Entscheidungen, was sich stark auf die Story und den Spielverlauf auswirkt.  

Neben der Hautfarbe können Sie auch die Nasenhöhe, die Halsdicke und viele andere Eigenschaften Ihres Alter Ego verändern. Alternativ übernimmt das Programm die Wahl für Sie. Der Nachname des Helden – Shepard – ist aufgrund der Geschichte des Vorgängers unveränderbar.

Nachdem der plastische Teil der Charaktererstellung von der Bühne gegangen ist, entscheiden Sie sich für eine Klasse. Dabei setzt Mass Effect auf altes Eisen und verpackt die Klassen in ein neues, modernes Gewand. So haben Sie zum Beispiel als Sympathisant von Mana und Magie die Wahl einen Experten, eine Art Sprücheschleuderer des 22. Jahrhunderts, zu wählen. Wenn Sie den direkten Schlagabtausch bevorzugen, passt ein Soldat wohl besser zu Ihnen. Sie möchten Waffensysteme manipulieren und Überwachungskameras überlisten? Der Techniker könnte Ihnen zusagen. Infiltrator, Frontkämpfer und Wächter kombinieren die Spezialitäten der Grundklassen und geben der Klassenwahl viel Farbe.

Haben Sie vielleicht das Erbe Ihrer Eltern angetreten und sind mit 18 zum Militär gegangen, nur um in einer gescheiterten Mission als einziger Überlebender hervorzugehen? Vielleicht waren Sie auch ein Waisenkind; das Militär hat sie hart und skrupellos gemacht. Sie haben ein Herz aus Stein. Mass Effect entlockt Ihnen im zweiten Teil der Charaktererstellung das psychologisches Profil und die Hintergrundgeschichte Ihres Helden. Verblüffend: Die Geschichte des Helden wird nicht nur gerne erwähnt, sondern kann das Gespräch mit manchen Charakteren erschweren oder gar unmöglich machen.




Das Gameplay: Die fetzigen Kämpfe

Zwei Jahre danach wachen Sie unsanft auf der Raumstation Cerberus auf, die plötzlich von fehlprogrammierten Sicherheitsdrohnen attackiert wird. Jetzt beginnt das eigentliche Gameplay, das den Spieler erbarmungslos an den Bildschirm fesselt. Wer steckt hinter dem Angriff? Waren es schon wieder die Geth, sind es die Reaper? Oder doch eine andere Rasse? Diese Fragen brennen Ihnen sofort auf der Zunge.

Doch Bioware bindet zuerst das Tutorial geschickt in das Spielgeschehen ein, sodass der Spielfluss bei der aufkeimenden Spannung nicht unterbrochen wird. Per Maus und Tastatur navigieren und schießen Sie sich kinderleicht durch Scharen kampflustiger Drohnen und zukünftig auch durch schleimige Aliens und massig mürrisches Getier.

Wenn es in Feuergefechten einmal zu eng wird, kann Shepard hinter Objekten wie Wänden und Kisten Deckung suchen. Mass Effect 2 legt bei Kämpfen eher Wert auf Taktik. Durch gezielte Feuerstöße auf empfindliche Trefferzonen der Kontrahenten und durch häufige Deckungssuche segnen Sie nur schwer das Zeitliche.

Natürlich ballert sich Shepard nicht alleine durch Gegnerhorden. Schon früh lernt er, seinem Team wichtige Befehle, wie der Einsatz einer bestimmten Fähigkeit zu geben, oder den treuen Begleiter gut zu positionieren.  Das Verhalten der Gegner ist in Kämpfen leider nicht immer nachvollziehbar: Es kann vorkommen, dass z.B. eine Drohne es sich nicht nehmen lässt, ein „sicheres“ Plätzchen neben hochexplosiven Fässern zu suchen. Shepard fackelt bei solchen Angeboten natürlich nicht lange.


Das Gameplay: Die packenden Dialoge



Mass Effect 2 trumpft nicht nur bei den Kämpfen auf. Um die Geschichte voranzutreiben, um ihre zehn Teammitglieder zu rekrutieren, um Geheimnisse herauszufinden und um Komplotte aufzudecken, müssen Sie vor allem ein Talent beherrschen: Das Reden.

Doch das ist bei Mass Effect 2 nicht langweilig, sondern durch die stimmigen Dialoge und guten Sprecher – wenngleich die Stimme des deutschen Shepards der guten Synchronisation ein wenig den Wind aus den Segeln nimmt  - interessant und motivierend. Im Laufe des Spiels haben Sie das Gefühl, dass Charaktere durch die Dialoge sehr lebendig und authentisch wirken. Sie entscheiden auch selbst , ob Sie im Gespräch offen oder misstrauisch sind, den „Abtrünnigen“ und teilweise skrupellosen Helden spielen, als tüchtiges „Vorbild“ glänzen , oder auch neutral antworten: Sie beeinflussen Quests durch ihre Wortwahl. Trotzdem kommen Sie  auch als „Abtrünniger“ bei Missionen durch Umwege und Kniffe zum Ziel. Nettes Feature: Umso abtrünniger Sie werden, umso vernarbter wird Shepards Gesicht.



Das Gameplay: Die Rollenspiel-Elemente

Neben Kämpfen und Reden kann Shepard auch seine Fähigkeiten ausbauen. Wer allerdings erwartet, hochkomplexe Talentbäume zu schmieden wird enttäuscht. Sie verbessern im Laufe des Spieles fast alle Fähigkeiten und können neu erworbene Gimmicks Ihrem Team zur Verfügung stellen. Das Klassensystem verliert dadurch leider etwas an Bedeutung.

Hartgesottene Action-Fans gefällt das unkomplizierte Spektakel natürlich. Doch Taktiker vermissen in Mass Effect 2 die Möglichkeit, sich in Ruhe über Talentbäume den Kopf zu zerbrechen, um dann letztendlich den Spezialkämpfer zu erschaffen.




Fazit

Ist Mass Effect 2 bei den ganzen Kämpfen und schnittigen Dialogen ein Rollenspiel oder doch eher ein Actionspiel mit leichten Rollenspielelementen? Hier lässt sich erkennen: Mass Effect 2 ist eher ein Casual RPG für Actionspieler, die sich gerne an das Rollenspielgenre herantasten. Und trotzdem: Das Spiel lässt Sie vor Faszination erzittern, vor Freude schreien und vor Spannung auf den nächsten Kampf verkrampfen. Da stört es wenig, dass Levels manchmal etwas eintönig sind. Für jeden Neuling des Mass Effect Universums ist Mass Effect 2 – und natürlich auch der erste Teil – eine sehr gute Wahl. Bioware versteht es einfach, eine futuristische Welt zu erschaffen, die Sie für lange Zeit in einen Science-Fiction Film entführt.


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